Parlamentarischer Abend
Dienstag, 31. Mai 2005, 19.00 Uhr
Deutsche Parlamentarische Gesellschaft, 
Friedrich-Ebert-Platz 2, 10117 Berlin

RUAG - das Schweizer Luft- und Raumfahrtunternehmen in Deutschland

Grußwort: Herr Dr. Werner Baumann, Schweizer Botschafter in Deutschland; 
                    Vortrag: Herr Toni Wicki, Vorsitzender der Konzernleitung, Deligierter des Aufsichtsrats der RUAG Holding, Bern, und ehemaliger Rüstungschef der Schweiz;

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RUAG- das Schweizer Luft- und Raumfahrtunternehmen in Deutschland

Toni J. Wicki, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates

(Es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Rossmanith,
sehr geehrter Herr Botschafter,
meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete,
Vertreter der Streitkräfte, der Ämter, der Ministerien - und der Industrie.

Es ist für mich eine grosse Freude und Ehre, Ihnen heute unsere Unternehmens-gruppe und insbesondere unsere Aktivitäten in Deutschland etwas näher zu bringen. Mein Dank geht aber zuerst an Sie, sehr geehrte Damen und Herren, dafür, dass Sie in ihrer Agenda Zeit und Raum für uns gefunden haben. Ich danke Herrn Botschafter Baumann für seine Grussworte aus der offiziellen Schweiz - und ganz besonders dem Forum und der Parlamentsgruppe Luft- und Raumfahrt und ihrem engagierten Vorsitzenden. Wir schätzen es sehr, dass wir sie alle in diesem Haus zu unseren Gästen zählen dürfen.
Nun – wer ist RUAG? RUAG steht für Aerospace, Defence und Technology. Hervorgegangen ist die Gruppe aus unselbständigen öffentlich-rechtlichen Anstalten der Eidgenossenschaft. Diese Betriebe arbeiteten bis in die neunziger Jahre fast ausschliesslich für die Schweizer Armee. Nach einem Prozess der Bündelung und Straffung wurde die RUAG 1999 als Aktiengesellschaft nach privatem Recht in den Markt entlassen, ausgerüstet mit einer soliden Bilanz, hervorragendem Know-how und gut ausgebildeten Mitarbeitenden.
In den ersten 6 Geschäftsjahren als Aktiengesellschaft erhöhte sich der Umsatz von rund 900 Mio. CHF auf rund 1,2 Mrd. CHF. Machte zu Beginn der Anteil des Geschäfts mit der Schweizer Armee gute 90% aus, sind es jetzt noch knapp 40%. Das zivile Geschäft haben wir sozusagen von Null auf einen Umsatzanteil von jetzt 36% entwickelt. Operativ sind wir in der Schweiz, Deutschland und Schweden tätig und beschäftigen rund 5'500 Mitarbeitende, davon gegen 1'600 hier in Deutschland. Hauptaktionär der Holding ist nach wie vor die Eidgenossenschaft. Allerdings beschäftigt sich unser Verwaltungsrat (Aufsichtsrat) nicht zuletzt wegen der Veränderung im Auftragsportfolio und unserer internationalen Ausrichtung mit der künftigen Struktur unseres Aktionariates.
Meine Damen und Herren,
Transformation und Wandlungsfähigkeit sind für uns keine theoretischen Begriffe, sondern gelebte Wirklichkeit. Wir haben die Herausforderungen angenommen, die sich in Europa nach 1989 im wehrtechnischen Geschäft und im Markt generell gestellt haben. Neue Ziele wurden aktiv angesteuert und wir durften bei der strategie-gestützten Unternehmensentwicklung, das sei ganz offen erwähnt, auch vom berühmten Quäntchen Glück profitieren. 
Unser Unternehmen konnte an langjähriger Erfahrung anknüpfen. Denn neben der industriellen Modernisierung und Instandhaltung der Flugzeuge und Hubschrauber der Schweizer Luftwaffe schufen wir uns bereits früher einen Namen bei der Fertigung von Komponenten für militärische und zivile Flugzeuge für europäische und amerikanische Hersteller wie Airbus, Dassault, Eurocopter, Boeing, Northrop und General Electric. Das erwies sich für die weitere Entwicklung in dieser Sparte als gute Voraussetzung.
Als sich Ende 2002 die Chance eröffnete, aus der insolventen Fairchild-Dornier zwei gut gehende Bereiche Flugzeugunterhalt und Strukturbau am Standort Oberpfaffenhoffen – herauszulösen und zu kaufen, wagten wir diesen Schritt. Nach der langen Phase der Insolvenz, die mit einer gewissen Verunsicherung bei Kunden und Mitarbeitenden verbunden war, konnten wir die Operationen in Oberpfaffenhofen rasch stabilisieren und das Vertrauen dort zurückgewinnen, wo dieses während der Insolvenz gelitten hatte. Dazu haben die Belegschaft, die Sozialpartner, die Kunden, das Umfeld und insbesondere die ideelle Unterstützung von Seiten der bayrischen Landesregierung viel beigetragen. Mit der Neuerwerbung konnten wir unseren Bereich Aerospace stärken, und gleichzeitig im geographischen Zentrum der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, also im Grossraum München Fuss fassen und damit die Türe zum europäischen Luftfahrt-Markt weiter öffnen.
Früher sind wir bereits im Bereich der Pulverherstellung ein erfolgreiches Joint Venture mit Rheinmetall eingegangen. Von Dynamit Nobel haben wir im weiteren das Geschäft mit kleinkalibriger Munition für Behörden, Jäger und Sportschützen erworben. Mit den entsprechenden Tätigkeiten in Fürth und an weiteren Standorten sind wir im Bereich der kleinkalibrigen Munition für Streitkräfte, Spezial- und Sondereinheiten sowie Jagd und Sport in eine europäische führende Stellung vorgerückt. Wobei in diesem Geschäft einerseits die enormen Bestellungsrückgänge der Bundeswehr und anderer Streitkräfte schwer wiegen, andererseits diese Situation die transnationale Konsolidierung als Antwort geradezu provoziert haben.
Wir sind im Interesse der europäischen Konsolidierung und der Sicherstellung entsprechender Fähigkeiten in Deutschland zu weiteren Investitionen in diesem Bereich bereit, nehmen jedoch derzeit erstaunt Kenntnis von einem sehr aufwändigen Verfahren des national denkenden Bundeskartellamtes. Sehen Sie mir, sehr geehrte Damen und Herren, diesen Blick über den Zaun der Luft- und Raumfahrt nach, denn ich glaube, das musste in diesem Kreise gesagt sein. Dieser Bogen diente nicht alleine der Vollständigkeit halber, sondern er wurde auch deshalb gezogen, weil sich alle unsere Engagements hier in der Bundesrepublik dadurch auszeichnen, dass wir keine Vorurteile oder kulturellen Barrieren zu überwinden hatten. Unterschiedliche europäische Mentalitäten sehe ich überhaupt eher als Reichtum denn als Nachteil und auf der Unternehmensebene steht die gemeinsame Aufgabe so oder so im Zentrum. 

Nun, zu unseren Aktivitäten in Oberpfaffenhofen:
In unseren modernen Wartungseinrichtungen betreuen wir die Bell UH-1 D Hubschrauber der Bundeswehr und die Challengerflugzeuge des BMVg, sowie die Alpha Jet Flotte für internationale Kunden. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Aktivitäten bildet der Unterhalt von Business-, Executive- und Regionalflugzeugen darunter selbstverständlich die Dornier 228 und 328. Wir führen in Oberpfaffenhofen ausserdem, seit über drei Jahrzehnten   eines der grössten Service Center für Cessna Citation Geschäftsreiseflugzeuge in Europa. 
Im Bereich Service und Unterhalt von Flugzeugen sind wir insgesamt spezialisiert auf Zelle, Avionik/Elektrik, Triebwerk und spezielle Missionsausrüstungen. Anfang diesen Jahres konnten wir den Auftrag für die Umrüstung und Betreuung des neuen DLR Höhenforschungsflugzeuges HALO gewinnen, eine Kooperation mit der US Firma Gulfstream. Mit rund 450 Mitarbeitenden betreuen wir an diesem Standort im Bereich Service und Unterhalt derzeit weltweit 700 Flugzeuge, von denen etwa 500 regelmäßig zur Wartung nach Oberpfaffenhofen kommen. Eine weitere umfangreiche Tätigkeit mit rund 300 Beschäftigten in Oberpfaffenhofen erbringt unsere Einheit Strukturbau. Dort fertigen wir für Airbus Rumpfsektionen und verschiedene weitere Bauteile. Erst vor kurzem konnten wir für den Airbus A320 die Produktion der Rumpfseitenschalen im Wettbewerb hinzu gewinnen und auch die weiteren Aufträge als Zulieferer mit Airbus mit mehrjährig laufenden Verträgen absichern. 
Meine Damen und Herren,
Wir von RUAG glauben an den Standort Oberpfaffenhofen und wir haben vor Ort bereits kräftig investiert: in moderne Abläufe und Prozesse und in die Erweiterung des Leistungsspektrums. Momentan investieren wir auch für den neuen Seitenschalenauftrag in Fertigungsautomaten der neusten Generation. Das zeigt Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, dass wir unser unternehmerisches Engagement nicht aus kurzfristig angelegten Absichten eingegangen sind. Im Gegenteil. Wir wollen langfristig in Nischen für die Luftfahrt erfolgreich arbeiten und dabei interessante Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung anbieten. Das Know-how, das Potenzial und ein ausgezeichnetes Team sind vorhanden. 
Wir sind kein internationaler Grosskonzern. Unsere Stärke ist die Überschaubarkeit des Unternehmens und damit die Nähe zum Kunden. Kurz: die hohe Flexibilität zugunsten unserer Kunden. Wir können und wollen auf die Wünsche unserer Kunden eingehen. Unsere Aktivitäten sind auf Kundennutzen ausgelegt: nämlich Wirtschaftlichkeit, technische, operationelle und Einsatzsicherheit sowie Termintreue. Wir denken, dass wir zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), sowie anderen Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrtindustrie, die an diesem Standort investieren, ich möchte hier auch die IABG nennen, dem Standort Oberpfaffenhofen ein Garant für eine positive Zukunfts-perspektive sein können. 
Das setzt allerdings voraus, dass wir bei neuen Programmen für die militärische Luftfahrt als Nischenanbieter zum Zuge kommen. So möchten wir zum Beispiel als Generalunternehmer die technische Gesamtverantwortung für das Projekt und für die Systembetreuung beim neuen Seeraumüberwachungsflugzeug P-3C Orion übernehmen. Wir beteiligen uns an der internationalen Ausschreibung in Kooperation mit kompetenten und erfahrenen Partnern mittelstandsähnlicher Unternehmen. Als Unternehmer sind wir eigenverantwortlich für den Erhalt und die Entwicklung unserer Kapazitäten, Fähigkeiten und die Wirtschaftlichkeit. Wir können von unseren Kunden keine Bestandssicherung verlangen. Der Kunde tut dies aber von alleine und gerne, wenn er in unseren Leistungen seinen Nutzen erfüllt sieht. Wir sind überzeugt, dass der Wettbewerb um die P-3C Orion Chancengleichheit gewährt. Deshalb denken wir, dass wir mit einem neuen, dem Projekt und der Transformation angepasstem Kooperationskonzept, unserem Know-how, unserer Wettbewerbsfähigkeit und unserer Verlässlichkeit die Entscheidungsträger überzeugen werden. Ich erwähnte, dass wir kein Großkonzern sind. Wir sind uns deshalb auch bewusst, dass unser Schwungrad für einige Projekte im Alleingang vielleicht nicht ganz ausreichen könnte. Es kann aber ein bedeutender Bestandteil in Kooperationsprojekten sein. Unsere Unterhalt- und Betreuungseinheit in Oberpfaffenhofen bietet zum Beispiel zahlreiche Fähigkeiten für die technische und logistische Betreuung des neuen Transportflugzeuges A400M. Und unsere Kompetenzen wollen wir hier in eine größere Kooperation einbringen, besonders wenn es um die nationale Versorgung der Luftwaffenflotte geht. Die Gespräche darüber haben begonnen und ich sehe der Entwicklung mit Zuversicht entgegen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Zur Luft- und Raumfahrtindustrie gehören heute und in Zukunft in der Umlaufbahn der grossen Konzern-Fixsterne innovative, flexible, mittelständische Unternehmen mit einem kurzen Draht zu ihren Kunden und mit der entsprechenden regionalen Verbundenheit.
Diese Unternehmen sind in ihren Nischen wesentliche Treiber für Innovation und Fortschritt, und sie sind Anbieter von spannenden, zukunftsorientierten Arbeitsplätzen. Wir zählen uns hier in Deutschland zu diesem Kreis. Und wir bedanken uns bei allen, die unser Unternehmen und unsere Mitarbeitenden mit ihrem Wohlwollen auf dem Weg begleiten.
Ich freue mich auf ihre Fragen und das Gespräch in dieser Runde, wo Ihnen auch mehrere unserer Führungskräfte zum Dialog zur Verfügung stehen.
Haben Sie Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

Für weitergehende Informationen senden Sie uns bitte eine Email an:

    info@forum-lur.de

 

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